Resilienz dezentraler Gruppen

Resilienz durch dezentrale Gruppen – Chancen und Fallstricke des bürgerschaftlichen Engagements

Vortrag auf dem Zukunftsforum Dresden über Graswurzelbewegungen / dezentrale Gruppen, die sich gesellschaftlich und politische engagieren. Erfahrungsbericht von zwei Aktiven aus der Ukraine-Unterstützer Community NAFO (North Atlantic Fella Organisation).

Angesichts neuer Herausforderungen entstehen in demokratischen Gesellschaften spontan Interessensgruppen Gleichgesinnter. In vielen Fällen ist es sinnvoll, das diese Gruppen dezentral organisiert werden, in Form sogenannte Graswurzelbewegungen.
Neben drängenden Themen wie dem Klimawandel, der Gruppen wie Fridays4Future oder Last Generation hervorbrachte, machen solche Gruppen auch Sinn z.B. für die Spontanhilfe bei Katastrophen.
Seit der russischen Vollinvasion auf die Ukraine kommen weitere Aufgabenfelder für dezentrale Gruppen in den Fokus: die Abwehr von subversiver Desinformation und das Sammeln von kritischen Informationen über sogenannte Open Source Intelligence (OSINT), damit auch Bürger auf Entscheidungsdaten zugreifen können, die sonst von Geheimdiensten unter Verschlussgehalten werden.

In dem Zusammenhang sei es wichtig zu verstehen, dass Diktaturen wie Russland ihre Angriffe aus westliche Gesellschaften in einem holistischen (ganzheitlichen) Ansatz durchführen.
Auf kognitiver, kultureller, militärischer, ökonomischer und politischer Ebene.

Deshalb sei die Beeinflussung der politischen Debatten im angegriffenen Zielstaat mit Desinformation Teil einer umfassenden Strategie, die auf direktem und indirektem Weg verfolgt wird.

Bild 1: Russische Angriffsvektoren

Wichtig hierbei: Russland versuche viele unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen, Wissenschaftler, Wirtschaft, Journalisten und Parteien für seine Subversionskampagnen zu beeinflussen. Daher müssen gerade auch gesellschaftliche Gruppen, die sich der Aufklärung und Widerlegung von russischer Desinformation verschrieben haben, damit rechnen, instrumentalisiert zu werden.

Staatliche Aufgabe oder bürgerschaftliches Engagement?

Der Schutz der Gesellschaft vor Angriffen feindlicher Akteure sei primär eine Aufgabe staatlicher Institutionen. Diese kämen dabei aber an rechtliche und praktische Grenzen. So können sie bestimmte Abwehrstrategien wie das Testen von Narrativen nicht anwenden. Es ist leicht für Angreifer, Institutionen negativ zu framen und Ihre Wirksamkeit damit zu reduzieren. Stichworte “Diktatur, Lügenpresse”.

Hier könnten dezentral organisierte Gruppen von Freiwilligen ergänzend wirken, in dem sie neue Desinformations-Narrative früh erkennen, und dann aus der Mitte der Gesellschaft heraus agiler auf eine veränderte Lage reagieren.

Schnelle Reaktion, Humor und Prebunking

Erfahrungen im Kampf gegen Desinformation z.B. in der Ukraine zeigten, dass schnelle Gegenreaktionen wichtig sind, um die Ausbreitung von zersetzender Desinformation frühzeitig zu unterbinden. Dabei sei es oft wirksamer, anstelle eines aufwändiger Faktenchecks zur Widerlegung von Desinformationen diese auf humorvolle Weise zu dekonstruieren.

Als wirksamste Methode gegen Desinformation wird aber sogenanntes “Prebunking” angesehen, also vorbeugende Aufklärung über Methoden und Inhalte feindlicher Desinformation. Hier kann z.B. im Schulunterricht oder in Medien Aufklärungsarbeit geleistet werden, mit der die Gesellschaft gegen die wirksame Entfaltung bestimmter schädlicher Narrative immunisiert werden kann.

Fallstricke dezentraler Bewegungen

Menschliche Schwächen führten dazu, dass soziale Bewegungen ihre Wirksamkeit in der Gesellschaft verlieren:

  • Thematische Einengung, die von Social Media-Algorithmen verstärkt wird, führte dazu, dass Botschaften und Aktivitäten der Gruppe kaum ein Publikum außerhalb der Bubble fänden
  • Masseneffekte, also gleichzeitiges, schematisches Handeln der Gruppe könne kontraproduktiv werden. Gleichzeitiges Agieren der Gruppe könne auf Social Media negativ als “Spam/Shitstorm” wahrgenommen werden, die Enge Vernetzung der Gruppe könne sie für Algorithmen als “Botnetz” erscheinen lassen, was mit Reichweiten-Verlusten bestraft würde.
  • Übersteigerter Aktivismus und die Neigung, virale Trends innerhalb der Gruppe zu übernehmen, könne von außenstehenden als aggressiv wahrgenommen werden. Erregung über als provokant wahrgenommene Ereignisse oder Äußerungen anderer könne in der Gruppe verstärkt werden und zu Überreaktionen führen.
  • Charismatische Personen können Communities zusammenhalten, aber auch spalten. Sie können als Projektionsfläche und Identifikationsfigur von Gruppenmitgliedern idealisiert werden, auch damit ihnen zugeschriebene positive Eigenschaften auf die Gruppenmitglieder abfallen. Hier sehen die Vortragenden 2 Gefahren: es entstünden innerhalb der Gruppe hierarchische Strukturen, die von außen angreifbar seien. Und Kritik an den idealisierten “Anführern” werde kaum zugelassen, damit fehlte Selbstreflektion und Checks und Balances.
  • Die vorgenannten Faktoren könnten dann, wenn die Gruppe unter Stress gerät, eine Radikalisierung der Gruppe befördern. Wahrnehmung von Ungerechtigkeit, Angst und Frustration könnten dann zu Regression und irgendwann zu irrationalem Verhalten führen.

Vom Fallstrick zum Angriffsvektor

Die vorgenannten Faktoren, die ohne böse Absicht in Gruppen entstehen können, stellen ein zuerst einen Schwachpunkt da, der die Wirksamkeit der Gruppen insbesondere in ihrer Wahrnehmung in der Öffentlichkeit reduziert. Aber sie bergen auch das Risiko dafür, von schädlichen oder feindlichen Akteuren ausgenutzt zu werden.

Schädliche Akteure

Hier sind den beiden Vortragenden insbesondere Gruppen aufgefallen:

  • Grifter – Akteure, die persönlichen Vorteil aus dem Aktivismus einer Gruppe ziehen wollen: Selbstdarstellung, erhöhte Reichweite für eigene Projekte, Geldwerte Vorteile durch Einwerben von Spenden an die eigene Person;
  • Sozipathen – die mit egozentrischem, narzisstischem oder aggressivem Verhalten einen emotionalen Gewinn erzielen wollen: durch Streben nach Macht und Kontrolle, Manipulation anderer Gruppenmitglieder, Schüren von Streit über Nebenthemen und Polarisierung;
  • Extremisten aus unterschiedlichen politischen Lagern, die das Radikalisierungs-Potential der Gruppe ausnutzen wollen, um einerseits Mitglieder der Gruppe für ihr Lager zu rekrutieren, und andererseits die gesamte Gruppe in Richtung ihrer Überzeugung zu steuern

Hieraus ergibt sich folgendes Bild der möglichen Vulnerabilitäten einer dezentralen Gruppe:

Bild 2: Vulnerabilitäten von dezentralen Gruppen

Feindliche Akteure

All diese Vulnerabilitäten können von feindlichen Akteuren schädlich genutzt werden,

  • um einerseits die Gruppe wirkungslos zu machen, in dem man sie zum Entgleisen (Derailing) führt. Am Ende stehen Entmutigung und Demobilisierung der Gruppe.
  • um andererseits aber auch die Gruppe für feindliche Zwecke zu instrumentalisieren.

Dabei werden emotionale Faktoren genutzt, die eine Radikalisierung und Manipulierbarkeit der Gruppe befördern. Traumatisierung z.B. durch Darstellung von Horror und Gewalt, auslösen von Ängsten, Frustration über als mangelhaft empfundenes gesellschaftliches und politisches Handeln.

Außerdem kann die Gruppe durch Fördern von problematische Methoden und Verhaltensweisen wie Shitstorms, Doxxing (offenlegen der Identität als feindlich betrachteter Personen) und anderes aggressives Verhalten gesellschaftlich wirkungslos gemacht werden.

Charismatische Personen /Celebrities stellen einen weiteren Angriffspunkt dar. Sie können Affinität zu problematischen Zielen erzeugen, Kritik an diesen “Stars” wird von der Gruppe oft grundsätzlich abgelehnt.

Ebenfalls destruktiv ist das Anfeuern von themenfremden, kontroversen Debatten, die zu Polarisierung innerhalb der Gruppe führen. Aber auch die übermäßige Beschränkung auf ein Kernthema kann die Wirksamkeit der Gruppe senken.

Am Ende können die eigentlichen Ziele der Gruppe umgelenkt werden, schädliche Narrative in die Gruppe eingeschleust werden und die Gruppe somit zu einem Werkzeug des feindlichen Akteurs missbraucht werden. Dabei kann die problematische Individual-Psychologie einzelner Gruppenmitglieder genutzt werden, um sie mit oder ohne deren Wissen zu missbrauchen.

Grasswurzel- oder Baumwurzelstruktur

Feindliche Akteure können auch versuchen, in die Selbstorganisationsprozesse der Gruppe (Atopoiesis) einzugreifen, um darauf einzuwirken, dass in der Gruppe schädliche, schwächende Strukturen aufgebaut werden.

So vorteilhaft eine dezentrale Graswurzelstruktur für die Abwehr feindlicher Akteure zu Beginn auch ist, ist eine solche Struktur in ihren Möglichkeiten begrenzt. Es wird irgendwann die Notwendigkeit entstehen, sie als Inkubator für stärker strukturierte, hierarchische “Baumwurzel”-Organisationen zu nutzen. Diese Organisationen können weiter mit der Grasswurzel-Gruppe verbunden sein. Hierbei muss aber klar sein, dass diese Organisationen ein besonderes Angriffsziel für feindliche Akteure darstellen.

Gegenmaßnahmen

Die beiden Vortragenden schlagen folgende Elemente zur Erhöhung der Resilienz von Gruppen vor:

  • Problembewusstsein für Angriffsvektoren
  • Werteorientierung: Die Gruppen sollten sich über Ziele und Werte definieren. Die Mittel, die eingesetzt werden, sollten den Werten entsprechen.
  • Um das Sicherzustellen, brauche es Checks und Balances.
  • Dazu einen positiven Umgang mit Selbstkritik, um lernfähig zu bleiben.
  • Wichtig sei es auch, Formen interner “Supervision” zur Seelenhygiene bei Stress zu entwickeln, um Traumatisierung und Radikalisierung vorzubeugen.
  • Regelmäßige Messung der eigenen Wirksamkeit
  • Kritische Hinterfragung der gewählten Mittel und Plattformen
  • Verknüpfung uns Austausch mit Experten aus Wissenschaft, Behörden, Politik und Medien
  • Wechselwirkung und Austausch mit anderen Bewegungen und Initiativen

Als Ausblick und weitere Ziele sehen die Sprecher,

  • weitere Ansätze für erhöhte Wirksamkeit dezentraler Gruppen zu entwickeln
  • die Gruppen damit resilienter gegen schädliche und feindliche Akteure zu machen
  • dabei demokratische, rechtsstaatliche und ethisch vertretbare Methoden zu propagieren

Gegenseitiges Vertrauen und Respekt zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen solle weiter entwickelt werden. Davon könne z.B. die Wissenschaft profitieren durch praxisbezogenen Feedback, die Bürger würden sich durch gut organisierten Dialog wirksamer Beteiligt fühlen. Dafür sei das Zukunftsforum ein erster Schritt.


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